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2. Spieltag 10/11
1. Runde DFB-Pokal 10/11
Schimpf und Schande
34. Spieltag 09/10
32. Spieltag 09/10
30. Spieltag 09/10
Hysterie macht Auflage
28. Spieltag 09/10
26. Spieltag 09/10
24. Spieltag 09/10
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30 May 2010   01:02:14 pm
Schimpf und Schande
Einst war er in jedem Bundesligastadion zu finden, heute muss man tief in die unteren Ligen abtauchen, um noch auf ein Exemplar in freier Wildbahn zu stoßen, die Versitzplatzung und die damit gestiegenen Eintrittspreise im Profifußball haben den angestammten Lebensraum dieser inzwischen gefährdeten Spezies arg schrumpfen lassen. Die Rede ist vom klassischen Mecker-Opa. Früher traf man ihn häufig ganz unten am Rand eines Stehplatzblocks, stets alleine, wie es für einen ausgeprägten Einzelgänger üblich ist, denn die Gesellschaft anderer würde ihn nur bei der uneingeschränkten Ausübung seiner spieltäglichen Pflicht stören: Schimpfen. Über alles und jeden, manchmal sogar den Gegner, vornehmlich aber über die Spieler der eigenen Mannschaft, den Trainer, den Vorstand, den DFB, die Schiedsrichter und wenn sich sonst gerade nichts anderes anbietet auch den Fußballsport im Allgemeinen, denn zu seiner Zeit – wann immer das gewesen sein mag – war das noch ein ehrliches Spiel unter Männern, knochenhart, nichts für Weicheier, und Geld hätte es sowieso keines gegeben, damals wären sie glücklich gewesen, wenn sie nach neunzig Minuten barfuß auf Asche eine lauwarme Brotsuppe serviert bekamen.

Optisch war der Mecker-Opa schnell auszumachen, die klischeehaften Ausführungen trugen Schiebermütze und rauchten dazu Zigarrenstummel, welche ihre weit vernehmbaren verbalen Ausführungen an Stinkigkeit noch zu überbieten versuchten. Unmöglich war es allerdings, den Antrieb ihres vierzehntägigen Erscheinens zu erkennen, die Liebe zum Verein kann es kaum gewesen sein, jedenfalls möchte man schlichtweg nicht davon ausgehen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die keine anderen Wege finden, ihrer Zuneigung Ausdruck zu verleihen.

Das allmähliche Verschwinden des Mecker-Opas in der letzten Dekade könnte vielleicht auch dem Alter geschuldet sein, gehörten die einstigen Vertreter doch stadionübergreifend ein und dergleichen Generation an, wodurch vielleicht auch ein wenig die Verbitterung zu erklären wäre. Wer in seiner Jugend einmal die Reise Heimat-Russland und zurück zu Fuß antreten durfte, hat womöglich weniger Verständnis für die Unpässlichkeiten heutiger Jungprofis übrig.

Derzeit findet man ihn jedenfalls kaum noch, wer aber genau hinhört, kann immer wieder die Kinder und Kindeskinder des Mecker-Opas in seiner Umgebung ausmachen. Optisch kaum von anderen Stadionbesuchern zu unterscheiden, hat man auch heute noch gelegentlich einen Kandidaten – es sind in der Tat immer männliche Vertreter, Schimpfe-Omas hat es auch früher nicht gegeben – in seiner Nähe, dessen einziger Beitrag zum Gebotenen auf dem Rasen eine neunzigminütige Schimpfkanonade darstellt. In diesem Falle lässt sich die destruktive Grundhaltung altersbedingt jedenfalls nicht mehr mit Kriegserlebnissen erklären, hier muss eingehender geforscht werden. Wer jemals den Dialog mit dem Mecker-Volk gesucht hat – was beileibe kein angenehmes Unterfangen ist – wird auf drei mögliche Ursachen stoßen.

Zum einen gibt es die berufliche Frustration. Wer fünf Tage die Woche immer wieder die eigene Position in der Hierarchie am Arbeitsplatz unter die Nase gerieben bekommt, versucht sich eben am Wochenende Luft zu verschaffen, indem er seinen Frust auf andere Wehrlose abwälzt. Wenn es dem Schimpfenden durch diesen Verbal-Hooliganismus besser geht, mag das subjektiv schön und gut sein, den Beschimpften schadet es nämlich nicht, da sie nichts davon mitbekommen, es leiden einzig – und das ist objektiv die Crux – sämtliche Stadionbesucher in Hörweite.

Die beruflichen Mecker-Gründe treten häufig gepaart mit einer weiteren möglichen Ursache auf, dem Sozialneid. Der Schimpfende rechtfertigt sein Verhalten damit, dass er sofort seine Papiere in der Personalabteilung abholen könne, wenn er werktags eine entsprechende Arbeit wie die der Akteure auf dem Rasen abliefere. Aber die feinen Herren Fußballprofis verdienen sich dumm und dämlich, und wenn sie keine Lust haben, gute Leistung zu zeigen, dann lassen sie es einfach. Dabei vergisst der Schimpfer, dass für seinen Arbeitsplatz in der Regel leider keine außergewöhnliche Begabung vonnöten war, sondern lediglich eine Ausbildung, die viele andere ebenso genossen haben, was ihn in seiner Rolle bedauerlicherweise ziemlich austauschbar macht. An dieser Stelle folgt dann gerne der fließende Übergang vom Sozialneid zur Konsumhaltung. ER habe ja nun für dieses Spiel bezahlt, also muss IHM auch was geboten werden, schließlich zahle ER ja auch mit seinem Eintritt die Gehälter der Stümper auf dem Platz. Mit dieser Einstellung hätte er sich vielleicht besser für einen Musicalbesuch entschieden, die dortigen Akteure sind schließlich bekannt für ihre allabendlichen konstanten Leistungen. Fußballspiele sind weniger starr im Ablauf, wodurch es zu Abweichungen kommen kann, in denen andere Stadionbesucher sogar einen gewissen Reiz erkennen können, da man vorher nicht wissen kann, was passiert. Wer darauf keinen Wert legt, ist vielleicht beim Rekordmeister besser aufgehoben.

Den unangenehmsten Mecker-Beweggrund stellt aber wohl die Besserwisserei dar. Der Schimpfende unterstellt dem Trainer vollkommene Stümperei, er selbst würde da ganz anders durchgreifen, die überbezahlten Herrschaften würden sich aber mal ganz schnell auf der Bank wiederfinden und dürften dann den jungen, hungrigen Spielern dabei zugucken, wie sie das Ruder rumreißen. Was natürlich genau so passieren würde, wenn der Schimpfer nur das Sagen hätte. Da das aber nicht passiert, wird den umstehenden Stadionbesuchern stattdessen haarklein erläutert, welche der vielen vergebenen Torchancen der Mecker-Opa-Enkel aber ganz sicher versenkt hätte, wenn er denn da unten spielen würde.

Sollte sich ein Leser in diesen Zeilen wiedererkennen, bitte ich einmal um einen ganz kleinen Gedanken an all die lauteren Stadionbesucher, die an der unerfüllten Situation des Meckerers keine Schuld trifft, die aber unter deren Auswüchsen als einzige in vollem Umfang leiden müssen. Es ist schon schwer genug, die Fassung zu wahren, während man dem geliebten Verein bei einer vernichtenden Niederlage beiwohnen muss; durch ein neunzigminütiges Schimpfe-Stakkato wird es aber ganz sicher nicht besser – weder auf dem Platz noch auf den Rängen. Vielleicht sollte man es eher mit Aufmunterung probieren, selbst in der dunkelsten Stunde. Irgendeinen Grund wird es ja haben, dass der Begriff 'Supporter' als Beschreibung für einen beherzten Fan den Weg in den deutschen Sprachschatz gefunden hat. Mecker-Opas und deren Folgegenerationen werden damit ganz sicher nicht gemeint sein.
Kategorie : Kapitel | Autor : hermann | Kommentare[2] | Trackbacks [0]
01 Apr 2010   09:37:26 am
Hysterie macht Auflage
Seit einiger Zeit ist in beinahe allen Medien immer wieder von einer “neuen Qualität der Fußballgewalt” oder gar von der “Renaissance des Hooliganismus” die Rede. Nach welchen Zahlen und Fakten diese bedrohliche Neuigkeit errechnet wurde, bleibt dabei meist im Dunkeln. Tatsache hingegen ist, dass die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze in den vergangenen Jahren lediglich einen Zuwachs an Stadionverboten verbuchen konnte, jedoch keinen bezüglich eingeleiteter Strafverfahren. Zwar liegt für die vergangene Spielzeit noch kein Jahresbericht Fußball der ZIS vor, aber zumindest das Innenministerium Baden-Württemberg gab vor kurzem einen Rückgang fußballbezogener Delikte in der laufenden Saison bekannt, was wohl ein objektives Kriterium dafür darstellen dürfte, dass es ganz so schlimm dann doch nicht sein kann. Hinzu kommt, dass die Zuschauerzahlen weiter steigen. Ganz subjektiv scheinen sich also nicht allzu viele Menschen aus Angst um Leib und Leben von einem Stadionbesuch abhalten zu lassen. Woher rührt also die aktuelle Flut an Horrormeldungen über den Volkssport Nummer eins?

Es gibt Gewalt beim Fußball. Das soll gar nicht bestritten oder verharmlost werden. Aber wann war es anders? In den 50er Jahren vielleicht, das mag sein. Damals war man wahrscheinlich so mit Wirtschaftswundern beschäftigt, dass keiner mehr am Wochenende die Fäuste hochbekommen hat. Aber bereits in der darauf folgenden Dekade gab es Fan-Ausschreitungen, lange bevor hierzulande irgendjemand mit dem Begriff Hooligan umzugehen gewusst hätte. Und von den 70ern bis Mitte der 90er Jahre sah sich der Sport mit einem Problem konfrontiert, das alles, was heute im Rahmen von Fußballspielen passiert, in den Schatten stellt. Vielleicht mag es im Vorfeld der zum Sommermärchen hochgejazzten WM im eigenen Land etwas ruhiger geworden sein, aber das war eine von allen Seiten beflügelte Ausnahmesituation und nicht der Alltag. Kurz vor Weihnachten sind die Kinder auch immer ganz artig, ob der Vorfreude auf das große Ereignis. Aber bereits zu Silvester machen sie dann manchmal wieder Unsinn, da der Umgang mit Feuerwerkskörpern Kinder manchmal ein wenig von der Vernunft abdriften lässt. Aber dazu kommen wir später. Auffällig ist jedenfalls, dass nüchtern betrachtet die Fußballgewalt in jüngerer Zeit eher ab- als zuzunehmen scheint.

Die Angst vor der Gewalt aber nicht, ganz im Gegenteil. Nicht nur die Zeitungen mit den bunten Bildern, sondern beinahe die gesamte Presselandschaft wird nämlich nicht müde, dem Leser beinahe täglich die unüberschaubaren Gefahren, welche durch die Randerscheinungen des Sports für die innere Sicherheit und unsere hart erarbeitete Demokratie drohen, zum Frühstück zu servieren. Der unbewanderte Leser schluckt diese Informationen dann brav zusammen mit Kaffee und Mehrkornbrötchen, sind die schockierenden Berichte doch häufig mit aufschlussreichen Zitaten von Koryphäen auf diesem Gebiet angereichert. Gerne wird hierzu, wenn gerade kein anerkannter Fan-Forscher zur Hand ist, ein Polizeigewerkschafter befragt, welcher dann bereitwillig über kriegsähnliche Zustände auf den Straßen berichtet und darüber, dass seine Beamten wie Opferlämmer dem Pöbel zum Fraß vorgeworfen werden. Übertreibungen dieser Art gehören natürlich zu seinem Job, wobei sogar eingeräumt werden muss, dass seit einiger Zeit tatsächlich die Polizei immer öfter als Ziel von Aggressionen am Rande von Fußballspielen herhalten muss. Wobei die Beamten selbst nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung sind, denn auch dem gemäßigten Auswärtsreisenden in Sachen Fußball wird nicht verborgen geblieben sein, dass das Tischtuch zwischen Fans und Polizei regelmäßig von beiden Seiten neue Risse bekommt. Wenn Anhänger von Repression und Willkür sprechen, wird dies - auch dank der einseitigen medialen Berichterstattung - häufig als Schutzbehauptung abgetan oder bestenfalls belächelt. Wer sich aber einer entsprechenden Situationen einmal ausgesetzt sieht, wird schnell feststellen, dass eine gewisse Vorverurteilung seitens der Exekutive nicht von der Hand zu weisen ist. Daraus resultiert schnell ein prophylaktisch hartes Vorgehen, welches auf der Gegenseite ganz sicher nicht zu besserem Benehmen anregt. Von dieser Seite ist tatsächlich eine Zunahme der Gewalt erkennbar. Nie zuvor wurde so unbedacht von Pfefferspray Gebrauch gemacht und wurden derart leichfertig Stadionverbote mit der groben Kelle verteilt. Im Nachhinein können solche Maßnahmen dann als Gefahrenabwehr verkauft werden. Niemandem werden beim Kauf eines Sportwagens in weiser Voraussicht fünf Punkte in Flensburg gutgeschrieben, obwohl doch bereits der Kauf an sich auf eine etwas zügigere Fahrweise hindeuten könnte, aber ein Fußballfan auf Auswärtsfahrt wird häufig durch seine bloße Anwesenheit als Chaot abgestempelt, der nur angereist ist, um Raketensprühtöpfe abzubrennen oder anderweitig für Randale zu sorgen. Verhält er sich dann so, wie von ihm erwartet wird, ist das Geschrei nach härterem Vorgehen wieder groß. Verhält er sich anders, wird das als Erfolg der energisch durchgreifenden Polizei verbucht. Rechtmachen kann er es jedenfalls keinem.

Wo wir gerade das Thema angeschnitten haben, seit längerem schon ist in Presse, Funk und Fernsehen in Verbindung mit Pyrotechnik beim Fußball schnell die Rede von Randale oder Krawall. Gibt man diese Begriffe bei Wikipedia ein, wird man zu Vandalismus beziehungsweise Aufruhr weitergeleitet. Die Wortwahl scheint hier also etwas überzogen, zumal die Herren Sportkommentatoren noch vor wenigen Jahren beim Anblick hell erleuchteter Stadionränge gerne von südländischer Atmosphäre schwärmten. Natürlich ist Feuerwerk außerhalb der Jahresendzeit genehmigungspflichtig und selbstverständlich ist es nicht schön, dass vor kurzem im Gästeblock in Bochum beim Spiel gegen Nürnberg der Einsatz von Pyrotechnik zwei Schwerverletzte hervorbrachte. Aber stellen wir diesen Schwerverletzten unter den hunderttausenden Fans, die jeden Spieltag eines der vielen Fußballstadien besuchen, in denen trotz Verbot hin und wieder gezündelt wird, die Anzahl an Versehrten gegenüber, die ein einziger Tag Wintersport während der Saison hervorbringt, dann liegt der Schluss nahe, dass ein gemeiner Skifahrer mehr Potential zum randalierenden Chaoten mitbringt, als ein Fußballfan.

Eine mediale Hetze gegen Wintersportler würde aber vermutlich nicht die Auflage steigern. Obwohl die Maßnahmen im Kampf gegen Skifahrer der Kategorie C einiges an Unterhaltungswert versprächen. Bei den ersten Schneefällen könnten aktenkundigen Pistenrowdies Ausreise- und weiträumige Skigebietverbote erteilt werden, neben der Pflicht, sich dreimal täglich auf einer Polizeistation zu melden, um so heimliches Skilaufen zu unterbinden. Wer sich auf dem Weg zum Skilift ungeschickt anstellt und in eine Ausweiskontrolle gerät, landet schneller in der Datei ’Gewalttäter Ski’, als er sich versehen kann, und schon flattert einem ein dreijähriges Pistenverbot ins Haus.

In Verbindung mit Wintersport klingt das alles ziemlich albern, für Fußballfans sieht so nicht selten die Realität aus. Wobei natürlich nicht alle Stadionverbote als ungerechtfertigt dargestellt werden sollen, aber was im Augenblick an immer neuen Sanktionen seitens der Verantwortlichen aus dem Ärmel geschüttelt wird, um einem Problem entgegenzuwirken, welchem zwar durch die Medien immer mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, welches objektiv gesehen aber nicht an Bedrohlichkeit zunimmt, macht doch ein wenig Sorgen, welche Sau wohl als nächstes durchs Dorf getrieben wird, falls die Pressewelt einmal den Spaß an Kriegsszenarien am Rand von Fußballspielen verloren hat und auf den nächsten Zug aufspringt. Bis es soweit ist, könnte man doch vielleicht die Sau etwas weniger jagen, dafür die Kirche ein bisschen mehr im Dorf lassen, denn solange auf künstlich erzeugte Hysterie mit überzogenem Aktionismus reagiert wird, kann es eigentlich nicht friedlicher werden. Sollte aber irgendein Innenministerium erneut einen Rückgang der fußballbezogenen Delikte vermelden, wird das bestimmt am harten Durchgreifen der Polizeibeamten liegen. Deren Vergehen tauchen in der Statistik ja nicht auf.
Kategorie : Kapitel | Autor : hermann | Kommentare[2] | Trackbacks [0]
28 Dec 2009   01:53:17 pm
Recht auf Rauch
Zur Überbrückung der fußballfreien Zeit in der Winterpause folgt nun mein Beitrag aus der aktuellen kölsch live-Ausgabe.

Da ich seinerzeit regelmäßig weghörte, wenn meine Eltern einen Satz mit “Lern doch erstmal was Anständiges…” begannen, sehe ich mich, bereits seit der Zeit, als Kölner ihren Verein noch für unabsteigbar hielten, gezwungen, meine Brötchen durch ehrlich Arbeit hinter einem Kneipentresen zu verdienen. Dieser gastronomische Spitzenbetrieb hat vor vielen, vielen Jahren eine Heimstatt in einer Seitenstraße des Rings gefunden, man kann also sagen, in ziemlich zentraler Lage. Obwohl man davon ausgehen dürfte, dass eine Gaststätte, die Gitarrenmusik in genretypischer Lautstärke den Vorzug gibt, in einem als ‘Ausgehmeile’ bekannten Viertel einer Großstadt, die bereits vor einiger Zeit der Sperrstunde Adieu gesagt hat, in artgerechter Umgebung beheimatet sein dürfte, ziehen in regelmäßigen Abständen offensichtlich stark ruhebedürftige Menschen in die Wohnungen links, rechts, über und gegenüber der Kneipe ein. Wenn man vom Dorf kommt und sich nicht wirklich in unserer schönen Domstadt auskennt, kann es ja mal passieren, dass jemand in der Innenstadt landet, der eigentlich eher für Vogelsang geschaffen ist. Macht ja nichts, aus Fehlern wird man klug.

Blöd wird die Situation erst, wenn ein arg von sich eingenommener Neuhinzugezogener den Fehler aber nicht bei sich sucht, sondern der festen Überzeugung ist, dass sich die seit Jahr und Tag bestehenden Gegebenheiten in besagter Seitenstraße des Rings doch bitte schön nach dem neuen Mieter zu richten haben, um dessen Erscheinen hier allerdings in Wahrheit niemand gebeten hat. Und genau hier endet mein Verständnis. Natürlich steht es allen frei, sich als Wohnort für die Innenstadt zu entscheiden, aber dann sollte man doch vielleicht bei einer Wohnungsbesichtigung auch das direkte Umfeld in Augenschein nehmen und nicht später um 22 Uhr in der benachbarten Kneipe anrufen und sich beschweren, dass man Schwierigkeiten hat, bei offenem Fenster den Fernseher zu hören oder gar am Karnevalsfreitag damit drohen, dass man der Mafia Bescheid sagt, falls es noch mal so laut wie tags zuvor werden sollte (beides tatsächlich schon geschehen).

Ebenso wenig Verständnis habe ich für Lehrerehepaare, die sich ein hübsches Häuschen in einer Schöner-wohnen-Siedlung neben dem Sportplatz im ehrwürdigen Stadtteil Zollstock gebaut haben und sich anschließend über das Flutlicht beim Training der Jugendmannschaften oder das rege Vereinsleben bei den Spielen der ersten Mannschaft am Sonntag beschweren. Wer seinen angestammten Aufenthaltsort für einen neuen aufgibt, sollte doch bitteschön so viel Taktgefühl mitbringen, seine eigenen Empfindlichkeiten den vor Ort gegebenen und lange gewachsenen Verhältnissen und lieb gewonnenen Traditionen unterzuordnen.

(An dieser Stelle endet der Beitrag für alle militanten Antiraucher, die sich nicht die Laune verhageln lassen wollen, denn nun folgt der geschickt gespannte Bogen zum Stadion in Müngersdorf, also gegebenenfalls besser weiterblättern.)

Da bei der letzten Jahreshauptversammlung des 1.FC Köln ein Antrag auf Rauchverbot im Stadion von einer aus Zeitmangel nicht zahlenmäßig nennbaren Mehrheit abgesegnet wurde, könnte sich bald die Stadionordnung um einen weiteren Paragraphen erweitern. Ob sich dadurch die bestehenden Verhältnisse nach dem Willen derer, die später dazugestoßen sind, ändern oder ob tatsächlich eine breite Mehrheit hinter einem Rauchverbot steht, ist an dieser Stelle egal, mir geht es darum, dass wir uns wieder ein kleines Stück vom Stadionbesuch, wie er einst, in unserer unbeschwerten Jugend war, entfernen. Damals roch großer Fußball einfach nach Bier, Bratwurst, geschnittenem Gras und eben auch nach Zigarettenrauch. Und seien wir mal ehrlich - die Nichtraucher werden mir an dieser Stelle zustimmen müssen, die Antiraucher wohl eher nicht - gestört hat es uns damals nicht die Bohne, viel zu aufregend war das Erlebnis an sich.

Seit dem Jahre 1923 steht in Müngersdorf ein Stadion, und seit dieser Zeit wird an Ort und Stelle bei Fußballereignissen wohl auch dem Tabakgenuss gefrönt, und niemand schien darunter arg zu leiden. Ebenso verhielt es sich zu Zeiten, als die Tribünen vornehmlich von Herren mit Hut und Trenchcoat bevölkert wurden, und im Jahrzehnt darauf und Jahrzehnt darauf und im Jahrzehnt darauf und im Jahrzehnt darauf. Im neuen Jahrtausend muss sich aber wohl einiges ändern, da sich bestimmte Personen beim Fußball, so wie er immer war, nicht wohlfühlen. Wenn die stimmberechtigte Mehrheit ein Verbot für ein probates Mittel hält, diesen Konflikt zu lösen, werde ich damit leben können. In der Tasche werde ich allerdings heimlich die Faust ballen und im Stillen einmal mehr den modernen Fußball verfluchen.

Ich erwarte gar keine Rücknahme des Rauchverbots, ich erwarte nicht, dass sich die Welt um meine Bedürfnisse dreht. Außerdem sitze ich im Stadion in der letzten Reihe, werde also wohl auch in Zukunft auf dem Gang ganz hinten rauchen können, da ich da wohl niemanden auf seinem Platz belästigen werde. Vielleicht beschweren sich trotzdem ein paar ganz Aufrechte. Das ist mir egal, das sind dann die, die auch an Karneval das Ordnungsamt rufen, wenn in der Kneipe gegenüber zu laut geschunkelt wird.
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01 Jul 2009   03:19:03 pm
Adiós Matthias
Bild: Milena Fischer-Dünkel

Nachgereicht aus der aktuellen Ausgabe von kölsch live. Ist zwar bereits sechs Wochen alt, kommt aber nach wie vor von Herzen.

Wenn die gewogene Leserschaft die aktuelle Ausgabe dieses traditionsreichen Fanzines in Händen hält, ist die Saison namens Nullachtnullneun bereits Geschichte, die Sommerpause hat uns fest im Griff, und nun ist es an uns, in Eigenverantwortung die vielen Samstagnachmittage mit sinnvollen Freizeitaktivitäten auszufüllen. Auf eine Sache möchte ich aber noch einmal zurückkommen, die von dem Zeitpunkt aus, an dem diese Zeilen geschrieben werden – Bielefeld und Cottbus haben gestern erst zu verstehen gegeben, dass sie nicht daran interessiert sind, den FC in der Tabelle noch einzuholen – noch in naher Zukunft liegt. Ich hoffe inständig, dass ein großer Mann noch zu seinem dreihundertsechsundfünfzigsten Profieinsatz kam und sein Abschied den gebührenden Rahmen fand. Nach meiner Wunschvorstellung soll Matthias Scherz gegen Bochum in der Startelf aufgelaufen sein, Mitte der zweiten Halbzeit unter stehenden Ovationen den Platz verlassen und nach Abpfiff Ehrenrunden in einer derart herzergreifenden Atmosphäre gedreht haben, dass selbst der hartgesottenste Althauer auf den Rängen nicht vor feuchten Augen gefeit war. Denn nichts anderes hat er verdient.

Selbstverständlich ist das in Köln allerdings nicht. Man denke nur an Thomas Cichon, der geschlagene neun Jahre lang – eine halbe Ewigkeit in dieser schnelllebigen Fußballzeit – bei nahezu jedem neuen Trainer seinen Stammplatz verlor, denn einen Libero bräuchte man im modernen Sport nicht mehr, aber wenige Monate später wieder in der Startaufstellung stand. Als dann tatsächlich sein Vertrag endete, packte er klammheimlich seine Koffer und zog nach Oberhausen um, ohne zuvor in angemessenem Rahmen den gebührenden Dank für seine Arbeit von Seiten der Fans genießen zu dürfen. Das soll im Fall Matthias Scherz nicht noch einmal passieren. Denn allein ein Karriereende nach zehn Jahren bei der gerade einmal zweiten Station als Profispieler beweist doch, was diese Zeilen noch einmal unterstreichen sollen: Er ist einer von denen, von denen es nicht mehr viele gibt. Einer von den Guten. Für die neumodischen Randerscheinungen des Fußballsports wie Bravo Sport natürlich vollkommen ungeeignet – zu wenig Popstar, viel zu viel ehrliche Haut. Aber genau deshalb erinnert er an die alten Zeiten, als man die FC-Spieler eher am Tresen vom Haus Unkelbach als in irgendeiner Ring-Diskothek antraf. Vor dem Hintergrund dieser ehrlichen, unaufgeregten und mannschaftsdienlichen Art erscheint der letzte Einjahresvertrag auch nicht wie ein Gnadenbrot für einen alternden Stürmer – seine Rolle auf dem Rasen wird leicht zu ersetzen sein, für seine Position innerhalb der Mannschaft muss aber erst noch jemand nachwachsen. Um zu gewährleisten, dass es eine solche Persönlichkeit in Zukunft überhaupt geben kann, wurde beim FC für Scherz als Fachmann für Spieler-Entwicklung und Karriere-Planung das ideale Betätigungsfeld gefunden. Ein einziger weiser Rat eines vereinsinternen Experten dieses Schlages ist für einen jungen Spieler sicher wertvoller als eine Hundertschaft windiger Berater.

Nun aber genug der Gegenwart, hier soll das Gesamtwerk des großen Mannes aus Scheeßel gewürdigt werden,und jüngere Semester können sich vielleicht gar nicht mehr an die Zeiten des Stammspielers Matthias Scherz erinnern. Die gab es aber, oh ja. Den gepflegtesten Fußball zeigte er vermutlich in seiner ersten Erstligasaison in Köln 2000/2001, als er auf der rechten Außenbahn reihenweise die gegnerischen Verteidiger schlecht aussehen ließ, statistisch war aber wohl die Saison 2002/2003 die erfolgreichste, seine 18 Tore als Stürmer erlauben uns noch heute einen der seltenen glanzvollen Rückblicke auf die Ära Funkel. Natürlich gab es auch zuhauf vertändelte Bälle und ausgelassene Torchancen, aber mit diesen Erinnerungen wollen wir doch lieber die ewigen Miesepeter alleine lassen. Und selbst die größten Kritiker werden wohl nicht bestreiten können, dass auch die schwächsten Szenen nie mangelnder Einstellung oder divenhafter Lustlosigkeit geschuldet waren. Zur Festigkeit des Charakters wird es kaum zwei Meinungen geben.

Die Sicherheit, dass ein Matthias Scherz meine huldvollen Worte reich des Dankes auch uneingeschränkt verdient, ziehe ich nicht zuletzt aus einem Leserbrief, der mich erreichte, nachdem ich einst die Errichtung eines Matthias-Scherz-Denkmals in der schönen Domstadt forderte. Für den Fall, dass unsere Stadtväter und -mütter meinem Vorstoß nicht nachkämen, kündigte ich damals einen weiteren Versuch in der Geburtsstadt des zu Ehrenden an. Daraufhin schrieb mir Bernd G., ein ehemaliger Mannschaftkamerad von Matthias Scherz aus Jugendtagen, dass besagtes Denkmal wohl eher nach Scheeßel gehöre, die Kreisstadt Rotenburg (Wümme) verdanke ihre Erwähnung in Matzes Personalausweis lediglich der Bereitstellung eines Krankenhauses. Darüberhinaus freute es Bernd G. aber sehr zu erfahren, welch hohen Stellenwert Scherz in Köln genießt: „Das macht sicherlich seine Einstellung zum Beruf und Leben allgemein, denn er ist wirklich 'auf dem Teppich geblieben', weiß wo er 'herkommt und wo er hingehört' und ist nicht durch den Erfolg abgedreht.“

Manchmal genügen ein paar abgedroschene Floskeln, um alles zu sagen. Abschließen möchte ich dieses Dankesschreiben mit einem Zitat, mit dem ich damals auch meine Denkmal-Petition beendete, leider konnte ich den ursprünglichen Verfasser nicht ausfindig machen, aber er scheint ein schlauer Mensch mit Hang zur Wahrheit zu sein.

„Es gibt Leute, die stoppen den Ball weiter als manch andere schießen können. Und Scherz stoppt die Bälle halt alle oben links in den Winkel.“
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